„Du kannst dich im Cup nicht verstecken!“

Sean Johnston hat den ADAC Opel Rallye Cup 2018 nicht nur durch seine gewinnende Persönlichkeit, sondern auch eine eindrucksvolle Lernkurve bereichert. Der ehemalige Porsche-Cup-Pilot aus Kalifornien ist definitiv im Rallyesport angekommen.

Eine kalifornische Frohnatur mit ganz schwerem Gasfuß: Sean Johnston

Die schönen Momente des Rallyesports: Erster Podestplatz im Erzgebirge

Die schweren Momente des Rallyesports: Erster Überschlag beim Saisonfinale

Auch wenn das Saisonfnale im Rahmen der ADAC 3-Städte für ihn nach einem veritablen Überschlag vorzeitig beendet war – Sean Johnston hat seine Duftmarken im ADAC Opel Rallye Cup gesetzt. Als erfahrener Rundstreckenpilot im zarten Alter von 27 Jahren das Metier wechseln und sich dem Kampf mit den jungen, aber deutlich erfahreneren Quertreibern stellen – das muss man wollen und auch den Mut haben, sich die eine oder andere blutige Nase zu holen.

Der Kalifornier traute sich nicht nur, gemeinsam mit Copilot Alex Kihurani feilte Sean auch Zehntel um Zehntel seines Rückstands auf die Topliga à la Lundberg, Volver und Munster weg. Der bemerkenswerte Lohn war mit Rang 2 bei der ADMV Rallye Erzgebirge der erste Podestplatz in Europas stärkstem Markenpokal.

„Es ging in meiner ersten Rallye-Saison vor allem um drei Dinge: Lernen. Lernen. Und Lernen. So viel Erfahrung sammeln wie möglich. Und das haben wir zweifellos auch gemacht“, grinst Johnston in Anspielung auch auf so manches Missgeschick. „So ein Überschlag ist natürlich kein Spaß, und er ärgert uns auch. Andererseits stellt sich im Grunde nicht die Frage, ob er passieren wird, sondern nur wann. Jetzt haben wir das erledigt, ich lerne wieder etwas daraus, und auch das ist eine Erfahrung, die uns weiterbringt.“

In Bezug auf die reine Konkurrenzfähigkeit steigerten sich die US Boys seit ihrem ersten gemeinsamen Einsatz (den Auftakt bei der ADAC Saarland-Pfalz Rallye hatte Johnston noch an der Seite des Schweden Joakim Sjöberg bestritten) kontinuierlich. „Wir haben bei Null angefangen und waren bei der Rallye Erzgebirge schon in der Lage, mehrere Wertungsprüfungen zu gewinnen. Das war für uns eine schöne Bestätigung, dass wir nicht nur sporadisch, sondern auch beständig einen hohen Speed gehen können. Natürlich ist meine Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen. Aber wir haben wirklich große Schritte gemacht, und ich bin sehr, sehr dankbar, dass mir der ADAC Opel Rallye Cup einen perfekten Einstieg in den professionellen Rallyesport ermöglicht hat.“

Bei dieser Steigerung ging es prinzipiell nicht um fahrerische Fähigkeiten. Denn die brachte der Mann aus Mount Shasta zweifellos schon mit. Es ging vielmehr darum, sich die Rallye-Attitüde anzueignen und die Rundstrecken-Attitüde teilweise abzulegen. „Vor allem die Zusammenarbeit mit einem Beifahrer ändert alles“, sagt der mittlerweile 28-Jährige. „Die Kunst ist es, bei der Streckenbesichtigung, dem Recce, das, was man sieht, so in Worte zu fassen, dass man später mit Hilfe des Aufschriebs wirklich am Limit fahren kann. Gemeinsam mit dem Beifahrer ein System für den Aufschrieb zu entwickeln und all die Informationen im Renntempo umzusetzen – das ist definitiv die große Herausforderung beim Rallyefahren.“

Dass er schon im ersten Jahr in die Lage kommen würde, aufs Podest zu fahren, hatte Johnston „gehofft, aber nicht erwartet. Ich weiß, dass ich Autofahren kann, aber mir war klar, welch enormer Lernprozess vor mir lag. Von daher war der Podestplatz im Erzgebirge ein echter Traum für uns.“

Auf die Frage, ob der ADAC Opel Rallye Cup die geeignete Bühne für seinen Umstieg in den Rallyesport dargestellt hat, antwortet der Amerikaner (übrigens in perfektem Deutsch!) quasi in Großbuchstaben: „AUF JEDEN FALL, ZU 100 PROZENT! So viele Erfahrungen für so wenig Geld sammelt man nirgendwo sonst. Ich liebe es, das gleiche Spielzeug zu besitzen wie meine Gegner. Man kann sich in diesem Cup nicht verstecken. Wenn einer schneller ist als du, hatte er nicht das bessere Material, sondern war eben besser. Der Schlüssel zum Erfolg ist, wie gut das Team im Auto, aber auch im Service das vorhandene Paket umsetzen kann.“

Dabei stellt der Opel ADAM Cup dank seines ausgewogenen Fahrwerks und der mit 140 PS nicht eben Ehrfurcht einflößenden Motorleistung einen guten Rennfahrer nicht vor unlösbare Aufgaben. „Der ADAM ist nicht schwer zu fahren – es ist aber schwer, damit richtig schnell zu fahren“, umschreibt Johnston. „Das Auto war das komplette Gegenteil dessen, was ich in meiner Zeit im Porsche Cup gewohnt war. Dort hatte ich Heckantrieb, Abtrieb und jede Menge Power. Das Fahren mit Frontantrieb und so geringer Leistung ist etwas ganz anderes. Du musst den Cup-ADAM laufen lassen, rund und flüssig fahren, und du darfst ihn auf keinen Fall überfahren. Auf Schotter war ich zuvor überhaupt noch nie unterwegs. Ich danke meiner Audex-Mannschaft, dass sie mir in Hinblick auf die kommende Saison ein Testprogramm auf losem Untergrund ermöglicht hat. Wir sind drei Rallyes auf dem ADAM R2 gefahren, was wirklich viel Spaß gemacht hat. Denn der R2 ist deutlich mehr Rennauto als die Cup-Variante und erfordert auch wieder eine andere Fahrweise.“

Stichwort nächstes Jahr. Was hat Sean Johnston nun vor? „Auf jeden Fall werde ich mit dem Rallyefahren weitermachen, weil ich es einfach liebe“, versichert er. „Rallyesport ist so intensiv, auch so anstrengend. An manchen Tagen startest du um 6 Uhr morgens, und erst um Mitternacht bist du im Bett. Es fühlt sich toll an, zu wissen: Heute habe ich richtig viel geschafft. Ich liebe die Energie, die auch die Zuschauer an der Prüfung oder im Service vermitteln, und die tolle Art und Weise, wie man in der Rallyeszene miteinander umgeht.“

Mit dem Rundstreckensport hat Sean vorläufig abgeschlossen: „Er fehlt mir nicht, auch nicht die Zweikämpfe. Ich liebe einfach schnelles Autofahren. Und wie oft kommt es vor, dass dich ein Gegner im direkten Fight einfach wegschiebt? So etwas ist frustrierend. Wenn du bei einer Rallye nicht ins Ziel kommst, bist du immer selber schuld. Ein Start bei den 24 Stunden Nürburgring würde mich sehr reizen, ansonsten ist die Rundstrecke kein großes Thema mehr.“

Welches Programm Sean Johnston im kommenden Jahr unter die Räder nehmen wird, ist noch nicht spruchreif. Fest steht aber: Der Mann mit dem markanten Schnauzbart und dem fröhlichen, positiven Naturell wird eine Bereicherung für jeden Rallye-Schauplatz sein.

Und was den Überschlag beim Cup-Finale angeht – den sieht Beifahrer Alex ganz pragmatisch: „Jetzt ist Sean ein richtiger Rallyefahrer!“