Von der Videokonsole ins Rennauto

Sean Johnston ist nicht nur der erste US-Amerikaner, der im ADAC Opel Rallye Cup an den Start geht, er kommt auch auf einem höchst ungewöhnlichen Weg in Europas stärksten Rallye-Markenpokal. Der Quereinsteiger aus Kalifornien geht keiner Herausforderung aus dem Weg.

Johnston: Der Amerikaner wagt den Umstieg vom GT-Boliden in den Rallye-ADAM

Dass ein Rundstreckenfahrer den Umstieg in den Rallyesport wagt, kommt nicht allzu häufig vor. Doch Sean Johnstons Rennfahrer-Karriere entspricht ohnehin nicht dem gängigen Klischee, das heutzutage in den meisten Fällen den Beginn in einem Kart vorsieht. Im Gegenteil: Der Amerikaner verdiente sich seine ersten Sporen am Steuer eines Rennsimulators und bestritt in seiner kalifornischen Heimat Wettbewerbe an der Konsole. Und das sehr erfolgreich: 2011 belegte er den zweiten Rang in der North American GT Academy, die es sich zum Ziel gemacht hatte, die besten Gamer in richtige Rennwagen zu setzen. Obwohl Sean nicht gewann, ermutigten ihn die Juroren, seinen Traum vom Rennfahren weiterzuverfolgen – wohlgemerkt, im Alter von 20, wenn andere schon 12 Jahre Kartsport auf dem Buckel haben.

Der leidenschaftliche Rennfan setzte alles auf eine Karte, unterbrach sein Universitäts-Studium und begab sich auf Sponsorensuche. Und die harte Arbeit lohnte sich: 2012 gewann Sean Johnston die IMSA GT3 Cup Challenge und zog daraufhin nach Deutschland, um nicht nur im nationalen Porsche Carrera Cup, sondern auch in dessen internationalem Pendant, dem im Rahmen der Formel 1 ausgetragenen Porsche Supercup, an den Start zu gehen. 2015 bestritt er darüber hinaus den Blancpain GT Series Endurance Cup für GT3-Rennwagen und holte bei den 24 Stunden von Barcelona gemeinsam mit seinen Teamkollegen Bernd Schneider, Harald Proczyk und Reinhold Renger auf einem Mercedes SLS AMG GT3 den Gesamtsieg. Dazu fuhr er mit den 24 Stunden Daytona und den 12 Stunden Sebring zwei der berühmtesten Langstreckenrennen der Welt.

Nach Sebring 2016 unterbrach er seine Rennkarriere und kehrte in die Staaten zurück. Jetzt ist Sean Johnston wieder da – im ADAC Opel Rallye Cup betritt der der 27-Jährige aus Mount Shasta im Norden Kaliforniens komplettes Neuland. Nie zuvor hat er eine Rallye bestritten, das Arbeiten mit einem Beifahrer und das Fahren nach Aufschrieb sind ihm gänzlich fremd. Überdies steht ihm der Umstieg vom mehr als 500 PS starken GT3-Boliden mit Heckantrieb auf den 140 PS leistenden, frontangetrieben Opel ADAM Cup bevor. Doch Sean wäre nicht Sean, würde er sich nicht auf die große Herausforderung freuen: „Mein Ziel ist es, zu lernen, so viel wie möglich über die Welt des Rallyesports zu erfahren und meine Fähigkeiten vor allem auch in der Arbeit mit Beifahrer und Aufschrieb zu entwickeln.“ Für seinen Cup-Einstand am 2./3. März im Rahmen der ADAC Saarland-Pfalz Rallye hat sich Johnston die Dienste eines hochdekorierten Beifahrers gesichert – der Schwede Joakim „Jocke“ Sjöberg, der 2015 Emil Bergkvist am Steuer des Werks-Opel ADAM R2 zum Junior-Europameistertitel navigierte, wird dem Rundstrecken-Ass den Weg weisen.

Am ADAC Opel Rallye Cup reizen Sean Johnston vor allem zwei Aspekte: „Mich auf identischem Material mit Fahrern aus weiteren zehn Nationen messen zu können. Und die Möglichkeit, die ADAC Rallye Deutschland zu bestreiten. Dieser Weltmeisterschaftslauf vor solch einer Kulisse und über diese große Distanz wird eine riesige Herausforderung. Als Zuschauer beim deutschen WM-Lauf habe ich zum ersten Mal World Rally Cars in Aktion gesehen. Und damit war meine Begeisterung für den Rallyesport entfacht. Ich freue mich unheimlich auf mein Rallye-Debüt am kommenden Wochenende!“