Kein Punktesystem von der Stange

Opel-Junior Mārtiņš Sesks reist als Leader der Rallye-Junior-EM zum vorletzten Lauf am 21.-23. September in Polen. Doch ganz so komfortabel, wie die Ausgangslage aus Sicht des Letten scheint, ist sie nicht. Denn das Punktesystem birgt Tücken.

Attraktiver Fanclub: Sesks/Francis nach ihrem zweiten Saisonsieg in Tschechien

Der Vorsprung von Mārtiņš Sesks im Zwischenklassement der Rallye-Junior-Europameisterschaft (FIA ERC Junior U27) scheint auf den ersten Blick fast uneinholbar: Nach vier von sechs Wertungsläufen führt der 18-jährige Lette im ADAM R2 des ADAC Opel Rallye Junior Teams stolze 59 Zähler vor seinem schwedischen Teamkollegen Tom Kristensson. Bester Nicht-Opel-Pilot ist der Portugiese Diogo Gago mit 65 Punkten Rückstand. Angesichts von insgesamt 78 maximal noch zu erobernden Zählern bei den abschließenden Schotter-Rallyes in Polen und Lettland eine lockere Kür für Sesks, sollte man meinen. Aber mitnichten.

Da nur vier der sechs Einzelergebnisse in die Endwertung eingehen, also zwei Resultate gestrichen werden, ist die Ausgangslage für den Opel-Jungstar aus dem Baltikum zwar immer noch erfreulich, aber kein Grund, die Füße hochzulegen. Denn um sein Punktekonto beim nächsten Lauf in Polen überhaupt aufstocken zu können, braucht Sesks beim Schotter-Spektakel rund um Mikolajki mehr als 26 Zähler. Erst dann wird der dritte Platz vom Auftakt auf den Azoren zum Streichresultat. Fürs Finale Mitte Oktober in seiner Heimatstadt Liepāja gilt Vergleichbares. Angesichts des enorm hohen Leistungsniveau in der FIA ERC Junior U27 ist also auch die Möglichkeit einzukalkulieren, dass Mārtiņš auf seinen gegenwärtig 132 Punkten kleben bleibt.

Vier weitere Piloten hätten dann noch die Möglichkeit, zum Leader aufzuschließen oder ihn gar zu überholen. Obwohl er mit dem Nuller auf den Azoren und dem zweiten Lauf auf Gran Canaria schon zwei potenzielle Streicher auf dem Konto hat, also in Polen und Lettland üppig punkten kann (und muss), kann der im Moment zweitplatzierte Kristensson noch mit Sesks gleichziehen, ihn aber nicht mehr überholen. Dazu braucht der Skandinavier sowohl in Polen als auch Lettland das Maximum von 39 Zählern, also jeweils den Rallye-Sieg (25 Punkte) plus den Gewinn beider Etappenwertungen (je 7 Punkte).

Ähnliches trifft auf die Peugeot-Piloten Efrén Llarena (Spanien) und Simon Wagner (Österreich) zu, die es jeweils noch auf 133 Punkte bringen können. Wie gesagt: Will Sesks sein Netto-Punktekonto aufstocken, geht das nur, wenn er mindestens Zweiter wird (18+x+x Punkte). Theoretisch kann auch ein dritter Platz mehr als 26 Punkte (15+x+x) und damit ein zählbares Ergebnis für den Gesamtleader bringen, aber diese Konstellation ist nicht sehr wahrscheinlich. Die größte Gefahr geht daher von Diogo Gago aus. Der Peugeot-Pilot steht nach zwei Saisonsiegen und zwei Nullern sowie einem von der FIA verhängten 10-Punkte-Abzug bei 67 Zählern, kann also theoretisch noch auf 145 Punkte kommen. Allerdings ist gegenwärtig noch nicht spruchreif, ob Gago in Polen und Lettland an den Start geht.

Will Mārtiņš Sesks alle Eventualitäten ausschließen, um schon bei der Rallye-Polen vom 21. bis 23. September vorzeitig den vierten Junior-EM-Titel für Opel in Folge unter Dach und Fach zu bringen, gäbe es ein ebenso sicheres wie schwierig umzusetzendes Rezept: Gewinnen. „Fahren liegt mir ohnehin deutlich mehr als Rechnen“, grinst der Teenager. „Wir gehen Polen und Lettland an wie alle anderen Rallyes auch, versuchen, das Maximum herauszuholen, und gucken danach auf die Tabelle.“